Digitaler Gesundheitsmarkt: Pioniere gesucht

Pioniere gesucht! Risiken und Chancen auf dem digitalen Gesundheitsmarkt

Jared Sebhatu ist Experte für die deutsche Life Science Startup-Szene und erster Ansprechpartner für strategische Partner und Stakeholder beim German Accelerator Life Sciences. Wir haben ihn bei der conhIT in Berlin und bei Health 2.0 in Barcelona getroffen. Hier gibt er eine Einschätzung zum Status Quo des deutschen digitalen Gesundheitsmarktes.

Ein Expertenbeitrag von Jared Sebhatu

Der vereinfachte und schnellere Zugang zu Informationen, verbesserte Infrastrukturen und neue Kommunikationswege führen zu veränderten Bedürfnissen und Anforderungen der Menschen und somit auch zu neuen potenziellen Geschäftsmodellen – auch in der Gesundheitswirtschaft. Und doch scheitern in Deutschland viele Unternehmen der digitalen Gesundheitswirtschaft am heimischen Marktzugang.

Besonderheiten des deutschen Gesundheitssystems

Die wohl größte Besonderheit des deutschen Gesundheitssystems ist der stark eingeschränkte Zugang zu medizinischen Daten. Die hierzulande geschichtsbedingte „German Angst“ vor Datenmissbrauch und -manipulation führt zu einer stark emotionalisierten Debatte, deren Folge ein schwer zu durchblickender Dschungel aus landes-, bundes- und europaspezifischen Regularien und Gesetzen ist.

Somit werden die Möglichkeiten zur Entwicklung patientenspezifischer Diagnose- und Therapieempfehlungen perspektivisch von den in die Gesundheitswirtschaft drängenden amerikanischen Technologieunternehmen übernommen. Es besteht die Gefahr, dass das enorme volkswirtschaftliche Potenzial von über zwölf Mrd. EUR teilweise den Akteuren im Ausland überlassen wird, so wie es auch in anderen technologieorientierten Branchen bereits geschehen ist beziehungsweise unaufhaltsam scheint.

Jared Sebhatu in Berlin

Jared Sebhatu bei der conhIT in Berlin

Problem: ein funktionierendes Geschäftsmodell

Ein weiteres wesentliches Innovationshemmnis auf dem deutschen Gesundheitsmarkt ist die Definition funktionierender Geschäftsmodelle. Es existiert, Stand heute, keine einzige digitale Anwendung in der gesamten deutschen Regelversorgung, also die Verschreibung und Vergütung des Produktes durch alle gesetzlichen Krankenversicherungen. Der hierfür notwendige zeitliche und monetäre Aufwand ist so hoch, dass die eher ressourcenschwachen Unternehmen das nicht abzuschätzende Risiko scheuen. So bleiben aussichtsreichen Geschäftsmodellen eigentlich nur der Weg über den Selbstzahlermarkt und die Kooperation mit Krankenkassen über sogenannte Selektivverträge.

Der stärker werdende Wunsch nach alternativen Therapie- und Behandlungsformen führten in den vergangenen Jahren zu einem Gesamtvolumen des Selbstzahlermarktes in Deutschland von aktuell über eine Mrd. EUR. Eine bemerkenswerte Summe, die sich aber relativiert, sobald man diese mit dem Volumen des amerikanischen „out-of-pocket“-Gesundheitsmarktes von über 300 Mrd. EUR vergleicht.

Aus Sicht der Patienten stellt dieser Vergleich ein Qualitätsmerkmal des deutschen Gesundheitssystems dar, da die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung unsere Versorgung umfassend sicherstellen. Dieser Anspruch der Bevölkerung führt jedoch dazu, dass eigentlich nur Innovationen in medizinisch unterversorgten Bereichen eine Chance haben, von einem relevanten Anteil der Betroffenen genutzt zu werden.

Chancen und Gefahren

Pilotprojekte sind nur ein Anfang

Ähnliches gilt auch für die Kooperation mit Krankenkassen im Rahmen eines Selektivvertrages. Erfahrungen zeigen, dass vor allem für unerfahrene Unternehmen die Verhandlungen mit den Krankenkassen einen hohen zeitlichen Aufwand mit sich bringen. Das Ergebnis ist ein oft regional beschränktes Pilotprojekt, welches zwar den ersten Schritt in das Gesundheitssystem gewährleistet, aber auf Grund der Heterogenität der Krankenkassen nicht die Skalierung ermöglicht, die sich ein dynamisches Unternehmen mit digitalen Produkten erhofft.

Es ist somit nicht verwunderlich, dass das Volumen des amerikanischen digitalen Gesundheitsmarkts bereits jetzt schon sechsmal so groß als hierzulande ist. Vor allem das reine Marktpotenzial, aber auch die erhöhte Risikofreudigkeit der privaten Kapitalgeber führt dazu, dass die „Top 10“ der digitalen Gesundheitsunternehmen, Wachstum und Übernahmevolumen betreffend, fest in amerikanischer Hand sind. Dies hat unausweichlich Auswirkungen auf die deutschen Unternehmen, die sich im globalen digitalen Gesundheitsmarkt dieser Konkurrenz stellen müssen.

Pioniere gesucht!

Es besteht das akute Risiko, eine innovative Branche für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu verlieren. Es gibt einen Bedarf an klaren Richtlinien für Datenschutz und -sicherheit. Auf Grundlage der in diesem Jahr veröffentlichten europäischen Datenschutzverordnung sollten zeitnah national einheitliche Richtlinien festgelegt werden, die es den Unternehmen ermöglichen, innovative und datenschutzkonforme Lösungen zu entwickeln.

Gleiches gilt für das Thema Marktzugang. Der für klassische medizintechnische Produkte etablierte Pfad in das deutsche Gesundheitssystem funktioniert nicht für digitale Lösungen mit kurzen Entwicklungszyklen und kleinen Teams. Der auf politischer Ebene oft diskutierte, aber noch nicht spezifizierte „Shortcut“ für digitale Medizinprodukte wäre eine Möglichkeit, Potenzialabschätzung, Pilotierung und Erprobung sicherzustellen und Unternehmen einen Marktzugang in Deutschland zu erleichtern. Dies würde auch die notwendige Dynamik in den Markt bringen, die deutsche Unternehmen befähigt, zu wachsen und im globalen Gesundheitsmarkt zu bestehen.

Der aktuelle Stand der Diskussion zeigt jedoch, dass man zeitnah nicht mit drastischen Änderungen der Rahmenbedingungen rechnen kann.

Neue Wege gehen

Frühzeitig mit dem System auseinandersetzen

Die Handlungsaufforderung lautet, sich frühzeitig mit dem vorhandenen System auseinanderzusetzen. Denn die positive Dynamik der letzten macht zumindest perspektivisch Hoffnung auf erste deutsche Leuchttürme in der digitalen Gesundheitsversorgung. Der globale Wettbewerb darf hierbei nicht als Gefahr sondern als Chance gesehen werden, medizinischen und ökonomischen Nutzen zu demonstrieren und somit den Weg ins Gesundheitssystem für sich und seine Nachfolger zu ebenen. Das ist keine dankbare Aufgabe, aber wir brauchen mehr Unternehmen, die diesen Weg gehen und Strukturen schaffen, die Innovationen wachsen lassen können.

Jared Sebhatu, vielen Dank für Ihren Beitrag!

Expertenprofil

Jared Sebhatu

Jared Sebhatu, Program Director German Accelerator Life Sciences

Jared Sebhatu ist Program Director für den German Accelerator Life Sciences in Deutschland. In dieser Rolle verantwortet er die Sichtung der deutschen Life Science Startup-Szene und ist erster Ansprechpartner für strategische Partner und Stakeholder vor Ort.

Durch seine Arbeit mit zahlreichen internationalen Unternehmen ist Jared Sebhatu Experte für den deutschen Gesundheitsmarkt mit umfassender Erfahrung im Bereich digitaler Gesundheit und innovativer Medizintechnologie. Zurzeit ist er als Mentor mehrerer Startups in den Bereichen Strategie, Technologie und Innovationsmanagement tätig.

Kontakt:
Jared Sebhatu
Program Director, Germany

German Accelerator Life Sciences
Friedrichstraße 68
10117 Berlin

[email protected]
www.germanaccelerator.com/life-sciences/

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Theresa Kern

Theresa Kern

Theresa ist Master-Studentin und Teil des beta|career-Teams 2017.

Sie ist zuständig für die Entwicklung der Digital Health Plattformen und gelegentlich für die Koordination der Teamausflüge. Ihre Freizeit verbingt sie am liebsten auf dem Pferderücken.
Theresa Kern