Digital Health Champions: IT-Lösungen zur Sepsisbekämpfung

Die Symptome einer Sepsis sind zunächst unauffällig – einer der Gründe, wieso die Sepsis noch immer eine der häufigsten Todesursachen ist. Innovationen im Bereich Digital Health können einen Beitrag leisten, um im Ernstfall eine schnelle Diagnose zu ermöglichen. Wir haben darüber mit Jana Janka, Senior Clinical Consultant bei Cerner Deutschland, gesprochen, die sich in diesem Bereich auskennt.

Die Sepsis ist nach wie vor ein großes Problem und eine der häufigsten Todesursachen in deutschen Krankenhäusern. Woran liegt das?

Sepsis ist in Deutschland die dritthäufigste Todesursache. Das Tückische: Anfänglich ist eine Sepsis selbst für erfahrene Kliniker schwer zu erkennen. Die Symptome sind zunächst wenig spektakulär und unspezifisch, etwa niedriger Blutdruck, schneller Puls und Fieber. Diese unscheinbaren Veränderungen nehmen in der Folge aber einen rasanten Verlauf und führen, im Falle eines septischen Schocks, bei über 50% der Betroffenen in kurzer Zeit zum Tod. Seit 1992 sind Wissenschaftler und Ärzte auf der Suche nach einem einzelnen Parameter, durch den eine Sepsis diagnostiziert werden kann. Leider bisher erfolglos.

Die oben genannten Symptome sind aber nur Beispiele aus einer Vielzahl unspezifischer Kriterien, auf die der Arzt bei der Diagnose angewiesen ist. Vor allem in der Notaufnahme sieht man ähnliche Symptome für viele unterschiedliche Krankheiten, Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Die Herausforderung ist also, eine Sepsis frühzeitig als solche zu erkennen.

Aber nur durch das frühzeitige Erkennen und therapierende Eingreifen in den Krankheitsverlauf kann die Sepsis aufgehalten und die Sterblichkeitsrate reduziert werden. Im Rahmen der Sepsis-Diagnostik gibt es die „Goldene Stunde“, innerhalb dieser die Behandlung ihren maximalen Effekt hat. Das Verstreichen der „Goldenen Stunde“ ohne Behandlung ist meiner Meinung nach die Hauptursache dafür, dass Sepsis eine der häufigsten Todesursachen ist.

Im Fall einer Sepsis ist schnelles Handeln enorm wichtig. Wie können IT-Lösungen dazu beitragen?

IT kann helfen, individuell erfasste, klinische Routineparameter im Hintergrund auszuwerten und in potentielle medizinische Zusammenhänge zu bringen – möglichst in Echtzeit, um ein frühzeitiges Erkennen zu gewährleisten.

Wichtig ist zu verstehen, dass IT entscheidungsunterstützend wirkt. Die letztliche Entscheidung muss der behandelnde Arzt treffen. Rund um den Einsatz von IT muss in der Klinik ein Prozess etabliert werden, der das Vorgehen nach einem systemseitigen Hinweis auf Sepsis reglementiert und eine rechtzeitige und evidenzbasierte Behandlung für den Patienten sichert.

Prof. Dr. med. Guido Noelle äußerte sich bei uns bereits zu nötigen Erfolgsfaktoren von Digital Health-Apps, um von Ärzten und Patienten genutzt zu werden. Wie gehen Sie bei der Entwicklung von Lösungen zur Sepsisbekämpfung vor, damit diese von den Kunden, sprich den Krankenhäusern, möglichst gut angenommen werden?

Zusammengefasst identifiziert Prof. Noelle drei Erfolgsfaktoren für Apps. Erstens: Es muss die Interoperabilität gewährleistet sein, um Daten in die App zu laden. Zweitens: Die App muss auch von Personen ohne medizinisches Fachwissen bedient werden können. Und drittens: Der medizinische Mehrwert muss erkennbar sein.

In groben Zügen trifft dies auch für unsere Früherkennung von Sepsis zu. Bei der Interoperabilität haben wir aktuell jedoch den Vorteil, dass wir uns innerhalb des KIS-Systems befinden und die Daten damit durch die Routinedatenerfassung ohnehin vorhanden sind. Die Kliniker sind hier entscheidend: die Akzeptanz durch die Behandler erzeugt den Nutzen – die Akzeptanz durch Patienten, die mit der Sepsis-Früherkennung nur indirekt in Berührung kommen, ist hier von geringerer Bedeutung.

In Zukunft kann sich dies natürlich auch auf den ambulanten Bereich ausdehnen, dann stimme ich den genannten Faktoren von Prof. Noelle vollständig zu. Apps für klinisches Personal stellen aber andere Herausforderungen an die Hersteller als beispielsweise Patienten-Apps. Durch die Einführung von neuer Software ändern sich in der Regel auch die Prozesse im Krankenhaus. Bei den Veränderungen müssen Ärzte und Pflege stärker begleitet werden. Wir bei Cerner bieten unseren Kunden an, diesen Change Management Prozess durch unsere Expertise zu begleiten.

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IT kann einen Beitrag leisten, eine Sepsis früher zu erkennen – die letztendliche Entscheidung muss aber nach wie vor ein Arzt treffen.

Sind die deutschen Krankenhäuser bereits so weit digitalisiert, dass die Lösung (theoretisch) flächendeckend eingesetzt werden kann?

Alle Krankenhäuser, die die Vitalwerte und Labordaten digital erfassen, sind geeignet, eine Sepsis-Früherkennung zu implementieren. Wie bereits oben angesprochen, reicht aber nicht nur die IT-seitige Implementierung, es müssen auch Prozesse etabliert werden. Flächendeckend im Einsatz sehe ich die Lösung in Deutschland noch nicht, da viele Krankenhäuser den notwendigen Digitalisierungsgrad noch nicht erreicht haben. Auf der anderen Seite gibt es trotzdem viele Krankenhäuser, deren IT-Systeme für spezifische Felder, wie die Medikationsanordnung, bereits entscheidungsunterstützend arbeiten.

Werden die ersten Ansätze Ihrer IT-Lösung bereits praktisch erprobt?

Ja. Das Cerner Sepsis-Programm ist bereits weltweit im Einsatz. Zum Beispiel in allen 50 US-Bundesstaaten sowie in den Arabischen Emiraten, Ägypten, England, Katar und Spanien. Die Lösung ist in ca. 440 Krankenhäusern implementiert.

Konkrete Zahlen gibt es von einem Kunden aus Spanien: Dort konnte die Letalitätsrate durch Sepsis über einen Zeitraum von vier Monaten um 32% reduziert werden. Mit anderen Worten: Pro Monat konnten fünf Menschenleben gerettet werden.

Sind ähnliche Lösungen in Europa bereits im Einsatz und liegen Informationen zu deren Erfolg vor?

In den letzten zwei Jahren kann man in der Presse verfolgen, dass sich immer mehr deutsche Universitätsklinika mit dem Thema Sepsis beschäftigen und an IT-unterstützenden Maßnahmen forschen. Für das Thema klinische Entscheidungsunterstützung mit IT im Allgemeinen gilt, dass europaweit ein wachsender Markt zu erkennen ist. Entsprechend bringen sich viele Hersteller in Position. Vor allem für bestimmte Patientengruppen, beispielsweise Diabetes-Patienten, gibt es Nischenanbieter, deren Erfolge auch veröffentlicht sind.

Wenn Studenten und Absolventen sich für dieses Thema interessieren: Welche Möglichkeiten bestehen, einen Beitrag zu leisten? Welche Kompetenzen müssen Interessierte mitbringen, um in diesem Bereich aktiv mitzuarbeiten?

Für uns sind herstellerneutrale Analysen und Auswertungen zu Sepsis und Sepsis-Früherkennung interessant. Abschlussarbeiten aus den Bereichen Gesundheits-IT, Gesundheitsökonomie oder ähnlicher Studienbereiche würden sich dazu anbieten.

Die statistische Auswertung und die Bewertung des medizinischen Erfolges bedürfen eines grundlegenden Interesses an IT und Medizin. Die Studenten sollten sich mit den grundlegenden statistischen Methoden sowie den Kodierungs- und Abrechnungsregeln aus dem Krankenhaus auskennen und den Kontakt mit medizinischem Personal nicht scheuen.

Frau Janka, vielen Dank für diese Einblicke!

Zur Person

Jana Janka, Senior Clinical Consultant bei Cerner Deutschland

Jana Janka ist Senior Clinical Consultant bei Cerner Deutschland.

Sie studierte Healthcare Business Management und Healthcare Management an der Hochschule Fresenius Idstein.

Kontakt

Cerner Deutschland GmbH
Cunoweg 1
D-65510 Idstein
Homepage: www.cerner.com
Email: [email protected]
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Auf der Suche nach weiteren Interviews mit Akteuren der Gesundheitsbranche? In der Reihe Digital Health Champions sprechen wir mit Gründern, CEOs und Mitarbeitern etablierter Unternehmen aus dem Bereich der digitalen Gesundheit.

Auch Branchenspezialisten kommen bei uns zu Wort! In Expertenbeiträgen werden verschiedenste Aspekte des digitalen Gesundheitssystems in Deutschland beleuchet.

In der Serie Campus Pioniere geben Studierende und Absolventen Einblicke in ihre Projekte und Erfahrungen im Bereich digitale Gesundheit.


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Theresa Kern

Theresa Kern

Theresa ist Master-Studentin und Teil des beta|career-Teams 2017.

Sie ist zuständig für die Entwicklung der Digital Health Plattformen und gelegentlich für die Koordination der Teamausflüge. Ihre Freizeit verbingt sie am liebsten auf dem Pferderücken.
Theresa Kern