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Digital Health Champions: Status Quo der Digitalisierung des Gesundheitswesens

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist eine Mammutaufgabe. Durch die Komplexität des Systems existieren Baustellen an allen Ecken und Enden. Im europäischen Vergleich schmückt sich Deutschland nicht unbedingt mit Lorbeeren. Wir haben mit Dr. Thomas Berger, Geschäftsführer von Cerner Deutschland, über die Herausforderungen und mögliche Lösung für die Digitalisierung gesprochen.

Herr Dr. Berger, als approbierter Arzt, Medizininformatiker und Gesundheitsökonom sind Sie mit verschiedenen Aspekten des Gesundheitssystems vertraut. Wie bewerten Sie die digitale Transformation des deutschen Gesundheitssystems? Wie stehen wir im Vergleich mit den europäischen Nachbarn da? Wer sind die Pioniere?

Die zunehmende digitale Transformation des Gesundheitswesens ist in meinen Augen lediglich ein Begleiteffekt der rasanten Digitalisierung unserer gesamten beruflichen und privaten Lebensumstände, also nicht intrinsisch, sondern eher extrinsisch getrieben.

Deutschland darf sich in diesem Kontext leider nicht als Vorreiter betrachten. Viele Nationen in Europa, aber auch weltweit, haben die vielfältigen Potentiale, die sich durch den konsequenten Einsatz durchgängiger IT-Lösungen ergeben, nicht nur erkannt, sondern befinden sich in zum Teil fortgeschrittenen Stadien der Umsetzung.

Während wir in Deutschland noch trefflich über das Ausmaß und die Finanzierung unseres milliardenschweren Investitionsstaus im Bereich der Krankenhaus- und IT-Infrastruktur debattieren, haben unsere europäischen Nachbarländer (Skandinavien, Benelux, Österreich, Baltische Staaten, UK etc.) die Zeichen der Zeit erkannt und systematisch in den Ausbau ihrer Healthcare-IT investiert. Dabei hat man den Patienten nicht vergessen: In Umsetzung eines nationalen Masterplans haben zum Beispiel in Dänemark alle Bürger sowie die Leistungserbringer über das nationale Gesundheitsportal Zugriff auf eine gemeinsame longitudinale Patientenakte, die sämtliche Gesundheitsdaten beinhaltet.

In einem unserer Interviews bezeichnete unser Gesprächspartner Dirk Albers das E-Health-Gesetz als wichtigen Schritt für die digitale Transformation. Wie schätzen Sie die Bedeutung gesetzlicher Anreizsysteme ein?

Dies muss man differenziert betrachten. Der Gesetzgeber muss zunächst den rechtlichen Rahmen für einen sicheren institutionsübergreifenden Austausch von Gesundheits- und Patientendaten schaffen.

Abrechnungskataloge zur Erstattung sinnvoller, zum Beispiel präzisionsmedizinischer oder telemedizinischer Leistungen und E-Health-Services, sind eine weitere Voraussetzung.

Die flächendeckende Einführung der EMRs (Electronic Medical Records) konnte in den USA durch Inzentivierung wesentlich beschleunigt werden. Vertragliche Regelungen der ACOs (Accountable Care Organizations) zwischen Krankenversicherern und Versorgungsanbietern zur Teilung von Effizienzgewinnen und Ersparnissen haben sinnvolle Anreize dargestellt, die in der Umsetzung nachweislich zu erheblichen jährlichen Einnahmen für die beteiligten Parteien geführt haben.

Derartige Systeme müssen jedoch intelligent konzipiert sein, lediglich monetäre Anreize zu setzen, um die jeweiligen Akteure zu Verhaltensänderungen zu motivieren, sind nicht zielführend.

Welche Chancen und Risiken sind mit der Digitalisierung der Krankenhauslandschaft verbunden?

Generell führt die Digitalisierung zu erheblichen Verschiebungen in unseren Arbeitswelten mit enormen volkswirtschaftlichen Konsequenzen.

Da sich jedoch im Gesundheitswesen demografischer Wandel, Pflegenotstand und Ärztemangel in ihren Auswirkungen dramatisch potenzieren, besteht durch den effizienten Einsatz von IT die einmalige Chance, Ressourcen in den Kliniken derart zu entlasten, dass die dort Beschäftigten sich ihrer ursprünglichen Aufgabe gemäß wieder intensiver ihren Patienten widmen können.

Gibt es digitale Lösungen, die in anderen Ländern bereits Standard sind und auf dem deutschen Markt noch etabliert werden müssen? Falls ja, wieso hinkt Deutschland in diesem Bereich hinterher?

Viele Länder haben nationale Initiativen im Bereich Präzisionsmedizin und Genomdateninterpretation losgetreten.

Szenarien im Bereich Population Health Management und Value-Based Healthcare zur integrierten, sektorübergreifenden longitudinalen Versorgungssteuerung mit aktiver Einbindung von Patienten und Bevölkerung, die nur mit konsequentem IT-Einsatz realisierbar sind, befinden sich in vielen Regionen bereits in der Umsetzung.

Systembedingte Aspekte wie die duale Finanzierung und die Trennung von ambulantem und stationärem Sektor stehen in Deutschland einer flächendeckenden Einführung ganzheitlich ausgerichteter Konzepte entgegen.

Einzelne Initiativen wie das BMBF-Förderprojekt „Medizinische Informatik“ oder der Innovationsfonds sind begrüßenswert. Ein nationaler Masterplan könnte auch Deutschland guttun.

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Um die medizinischen Versorgung auch in Zukunft gewährleisten zu können, müssen Daten einrichtungsübergreifend verfügbar und auswertbar sein. Intelligente IT-Systeme können dabei unterstützen.

Was macht für Sie persönlich den Reiz von “Digital Health” aus?

Ganz einfach: bessere, schnellere Diagnostik verbunden mit der Bereitstellung individueller, optimaler Therapieangebote. Dies setzt die Verfügbarkeit von Daten und Wissen voraus.

„High Tech meets Human Touch“ lautet einer meiner Wahlsprüche. Aber: „A fool with a tool is still a fool“. Das heißt, Werkzeuge sind im Ergebnis immer nur so gut wie die Hände (und Hirne) der Anwender, die sie bedienen.

Und wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie ändern?

Ich würde ein paar Milliarden shiften, den Investitionsstau auflösen, um dann den Wirtschaftsstandort Deutschland mit Themen wie a) digitales Krankenhaus, b) Health 4.0 und c) last but not least IT-gestützte sektorübergreifende Versorgungssteuerung (Population Health Management) in einer professionellen Kooperation zwischen Wirtschaft, Leistungserbringern und Politik insbesondere auch bei Innovationsförderung und -management nach vorne zu bringen.

Wie wird Digital Health das Leben und die Gesellschaft in 5‚ 10 und 25 Jahren verändern?

Digital Health beinhaltet eine Vielzahl disruptiver Entwicklungen und wird das Leben und die Gesundheitsversorgung sowie die Abläufe der Leistungserbringung massiv beeinflussen.

Frühzeitiger Einsatz von Expertensystemen zur Entscheidungsunterstützung und KI wird die Regel sein, um diagnostische und therapeutische Entscheidungen zu validieren und abzusichern.

Sämtliche -omiks (Genomik, Transkriptomik, usw.) befinden sich weiter auf dem Vormarsch. Präzisionsmedizin benötigt Genomdateninterpretation und wird sich neben der Onkologie in vielen weiteren Disziplinen etablieren (Drug Safety, Neurologie, metabolische Erkrankungen, Immun- und Infektionserkrankungen etc.). Data Lakes ermöglichen den anonymisierten Abgleich individueller Krankheitsstatus mit ähnlichen Patientenpopulationen („patients like me“). Virtuelle Kohorten ermöglichen Reverse Engineering-Ansätze, um in silico Hypothesen zu generieren und simulieren, welche erst im Nachgang in klinischen Studien validiert werden. Das funktioniert nur mit Big Data-Technologien und institutionsübergreifenden Datenpools.

Die Renaissance der Robotik führt zum steigenden Einsatz bei Operationen in den verschiedensten Indikationen, aber auch zur Unterstützung bei der Pflege. Exoskelette werden als Massenprodukt im Alter neue Beweglichkeit verschaffen. 3D-Printing ermöglicht bereits heute die Herstellung individualisierter Prothesen und Organe.

Die ethische Diskussion und Kontroverse wird eskalieren, da bestimmte Regionen der Erde (bereits heute) Genoptimierung (Psyche, Physis) systematisch vornehmen und sich die Frage stellt, ob man sich langfristig gesamtgesellschaftlich bzw. in unserem Kulturkreis aus ethischen Gründen gegen derartige Trends entscheidet.

Welchen Rat geben Sie Studierenden und Absolventen, die Teil des digitalen Gesundheitswesens werden möchten?

Spaß an LLL (Life Long Learning) zu haben und sich ansonsten im Dreiklang von Medizin, Informationstechnologie und Ökonomie in mindestens zwei der genannten Disziplinen zu qualifizieren. Das erleichtert die Kommunikation und das Verständnis für die jeweiligen Disziplinen und ihre Protagonisten ganz erheblich.

Herr Berger, herzlichen Dank, dass Sie diese Einschätzungen mit uns geteilt haben!

Zur Person

Dr. Thomas Berger, Geschäftsführer von Cerner Deutschland

Dr. Thomas Berger kennt die Healthcare- und Medizinbranche aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Der approbierte Arzt, Medizininformatiker und Gesundheitsökonom war nach seiner klinischen Tätigkeit in verschiedenen führenden Positionen tätig und bringt umfangreiche Erfahrung in den Bereichen Healthcare-IT, medizinischer Patientenversorgung sowie IT-gestütztem Prozess- und Datenmanagement mit.

Kontakt

Cerner Deutschland GmbH
Cunoweg 1
D-65510 Idstein
Homepage: www.cerner.com
Email: [email protected]
Social Media: Facebook | Twitter | Xing | LinkedIn | YouTube


Auf der Suche nach weiteren Interviews mit Akteuren der Gesundheitsbranche? In der Reihe Digital Health Champions sprechen wir mit Gründern, CEOs und Mitarbeitern etablierter Unternehmen aus dem Bereich der digitalen Gesundheit.

Auch Branchenspezialisten kommen bei uns zu Wort! In Expertenbeiträgen werden verschiedenste Aspekte des digitalen Gesundheitssystems in Deutschland beleuchet.

In der Serie Campus Pioniere geben Studierende und Absolventen Einblicke in ihre Projekte und Erfahrungen im Bereich digitale Gesundheit.


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Theresa Kern

Theresa Kern

Theresa ist Master-Studentin und Teil des beta|career-Teams 2017.

Sie ist zuständig für die Entwicklung der Digital Health Plattformen und gelegentlich für die Koordination der Teamausflüge. Ihre Freizeit verbingt sie am liebsten auf dem Pferderücken.
Theresa Kern