Digital Health Champions: Erlösoptimierung und DRG-Kodierung

Für die Organisation moderner Krankenhäuser ist der Einsatz von IT-Systemen unerlässlich. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Aspekte – auch der Patient profitiert von einer solchen Optimierung. Wir haben mit Christian Köhl, Leiter Vertrieb und Business Management bei Cerner Deutschland, über dieses Thema gesprochen.

Herr Köhl, können Sie kurz umreißen, was sich hinter DRG-Kodierung verbirgt?

Stationäre (teilweise auch teilstationäre) Krankenhausleistungen werden seit 2004 nach dem pauschalierenden Vergütungssystem G-DRG (German Diagnosis Related Groups) abgerechnet. Dazu werden die Falldaten (Diagnosen und Prozeduren, Beatmungen, administrative Daten wie Aufnahme und Entlassung, Verlegungen, Geschlecht, usw.) erfasst. Anschließend wird daraus eine DRG ermittelt. Diesen Vorgang bezeichnet man als Kodierung. Die Erfassung der Diagnosen und Prozeduren erfolgt nach den Deutschen Kodierrichtlinien (Herausgeber ist das InEK).

Viele Krankenhäuser stehen heute unter dem Druck, Kosten einzusparen und Erlöse zu optimieren. Inwieweit können IT-Systeme dabei unterstützen?

Das Kodier- und DRG-System wird jedes Jahr durch Veränderungen an den Krankheitsspektren und durch den technisch-pharmazeutisch stattfindenden medizinischen Fortschritt angepasst. Der menschliche Organismus und all seine Krankheiten und Besonderheiten müssen in kleinste Einheiten aufgeteilt werden, um all seine möglichen Krankheiten in allen möglichen Kombinationen darstellen zu können. Als Ergebnis kommen jedes Jahr mehr Codes für Krankheiten und medizinische Leistungen dazu, die fast in beliebigen Kombinationen pro Patient auftreten können.

IT-Systeme können durch Mathematik, Logik und (fast) grenzenloses Wissen schneller kombinieren, dazu Erfahrungen aus allen möglichen Kombinationen bewerten und alles zusammen pro Fall darstellen und Ergebnisse präsentieren. Das alles kann dazu genutzt werden, die unzähligen Codes besser in Kombination zu verstehen und zur Fallabrechnung anzuwenden. Auf Grund der Vielfältigkeit können viele Codes den gleichen Umstand beschreiben, aber nur eine Kombination bietet innerhalb der jahresaktuellen Kodierrichtlinien das optimale Ergebnis, dazu angereichert mit den Erfahrungen der Kollegen in anderen Krankenhäusern (Schwarmintelligenz). Das kann IT heute bereits und ermöglicht strategische Entscheidungen auf Basis simulierter DRG-Fallbewegungen und lernenden, klinischen Regeln.

Wie schwierig ist es, Kliniken davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, in einen Ausbau der IT zu investieren, um langfristig Kosten zu optimieren?

In der Medizin war die IT oftmals nur Beiwerk. Wichtig – und das ist ohne Zweifel richtig – ist die Genesung des Patienten. Dazu ist vor allem medizinisches Wissen nötig. Aber schon im Mittelalter musste der Bader nach der Behandlung bezahlt werden. Heute ist ein Krankenhaus und die DRG-Abrechnung ein hochkomplexes Gebilde. IT kann in der Komplexität unterstützen und helfen, optimale Ergebnisse zu erzielen. Man kann mit der IT Abläufe besser darstellen und analysieren. Im DRG-Zeitalter sind die Kosten pro Fallpauschale – pro DRG – genau spezifiziert. Hier kann man sehr schnell auswerten, welche Behandlungen kostenneutral durchgeführt werden, und bei welchen Behandlungen die Kosten nicht durch die Bezahlung durch die Krankenkassen amortisiert werden. Keine Bank, kein Einzelhandelsbetrieb, kein Handwerk kann es sich leisten, pro „Fall“ immer und permanent mehr Kosten zu produzieren, als Erlöse zu erhalten. Diese DRG-Fälle müssen gefunden werden, und dann gibt es zwei Optionen: Kosten senken oder Erlöse steigern.

Heute dreht sich die Spirale des Fortschritts immer schneller: Neue Medikamente und Behandlungsformen entstehen und müssen finanziert werden. Die Kosten steigen also permanent. Dass IT dabei unterstützen kann – und nicht nur ‚Beiwerk‘ ist – muss parallel erkannt und schnell umgesetzt werden. Zum Wohle der Patienten, zur Optimierung von Prozessen und auch zur Sicherung des Ergebnisses, um langfristig Spitzenmedizin in der Fläche gewährleisten zu können.

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Erlösoptimierung durch IT-Systeme

An welcher Stelle können Krankenhäuser in Sachen erlösoptimale DRG-Kodierung ansetzen?

Zuallererst in der Steuerung des Patientenaufenthaltes in der Klinik. Jeder Patient möchte so schnell wie möglich geheilt wieder das Krankenhaus verlassen, jeder Patient hat das Recht auf die beste, aber dabei auch auf die kürzest nötige Behandlung. Dazu kann und muss man heute den Ablauf von der Aufnahme bis zur Entlassung, möglicherweise auch die zügige Weiterbehandlung, perfekt organisieren. Alle Betten müssen optimal ausgelastet sein. Alle diagnostischen und therapeutischen Leistungen müssen optimal und aufeinander abgestimmt angeordnet werden. Die Dokumentation muss zeitnah und am besten elektronisch erfolgen. Wenn alles perfekt ineinandergreift, verlässt der Patient schnell, nach medizinisch neuestem Standard behandelt und vor allem geheilt wieder die Klinik.

Diese Organisation muss heute durch IT unterstützt werden. Ferner muss die Analyse, in welchen DRG-Fällen zum Beispiel die Verweildauern noch nicht optimal sind, kontinuierlich und in Echtzeit den Patientenfall begleiten. Dabei ist wichtig, dass die richtige und optimale Kodierung die Darstellung der Verweildauer unterstützt.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Erlössicherung. Da das Geld knapp (aktuelle Studien zeigen bei >60% aller deutschen Kliniken ein Defizit auf) und Prozesse nicht digital sind, werden immer mehr Akten und Abrechnungen geprüft. Dabei geht den Krankenhäusern permanent Geld verloren. Geld, das vorher ausgegeben worden ist und nun zur Kostendeckung fehlt. Das bedeutet: Über erlösoptimale, fallbegleitende Kodierung erkennt man schon bei der Erfassung, welche Diagnosen oder Prozeduren später mit hoher Vorhersagegenauigkeit von den Medizinischen Diensten der Krankenkassen (MDK) geprüft werden – und es kann mit höherer Wahrscheinlichkeit die Streichung und der Verlust von Erlösen verhindert werden.

Inwiefern nutzt eine solche Optimierung am Ende dem einzelnen Patienten?

Nochmal das Thema Verweildauer: Die Optimierung von DRG-Fallbehandlungen führt in einigen DRG-Behandlungsabläufen dazu, dass Patienten nur so lange in der Klinik bleiben müssen, wie für ihre Behandlung unbedingt nötig ist. Das ist gerade vor dem Hintergrund anhaltender Diskussionen um Infektionen und multiresistente Keime ein wichtiges Ziel.

Ein anderes Beispiel sind die Auswertungen nicht-kodierter Diagnosen aus Vorbehandlungen, die oft einen chronischen Verlauf haben. Dies kann für den Patienten bedeuten, dass bestimmte medizinische Zusammenhänge schneller erkannt werden. Oder dass umgekehrt notwendige Behandlungen, die aber nur Begleiterscheinungen der akuten Situation sind, trotzdem durchgeführt werden.

Inwiefern stellt die Digitalisierung von Prozessen im deutschen Gesundheitswesen heute noch eine Herausforderung dar?

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen hat viele Aspekte. Eine wesentliche Zukunftsaufgabe wird die noch weiterführende Unterstützung von IT bei der Erlangung und Bereitstellung von Wissen sein – Stichwort „Elektronische Patientenakte“. Hier fand in den letzten Jahren ein bis heute anhaltender Kampf statt: Wer darf wann welches Wissen erlangen und darauf zugreifen? Beispiel Patienten-Versicherten-Karte: Wäre es nicht hilfreich, wenn ein beliebiger Arzt in einer Gefahrensituation schnell Einsicht in die Krankheitsgeschichte des Notfallpatienten nehmen könnte, um beispielsweise Allergien auf bestimmte Medikamente herauszulesen?

Was fangen wir heute mit den Unmengen von Daten an? Wer darf wann welche Daten einsehen und verarbeiten? Wer nutzt es wiederum nur für seine Zwecke und für Kommerz aus? Diese ethischen Fragestellungen sind heute nicht vollumfänglich geklärt und werden auch in den nächsten Jahren eine Diskrepanz zwischen Fortschritt und Schutz der Privatsphäre erzeugen.

Wir bei Cerner sehen ein 4-Stufen-Modell der Digitalisierung, welches die Kliniken genau an dem Punkt ihrer heutigen IT-Ausprägung unterstützt und schnell Mehrwerte der IT-Transformation für alle Berufsgruppen aufzeigt.

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Wie wird sich das Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren verändern?

Der Fortschritt wird nicht mehr an der Krankenhaustür anhalten, er wird „eintreten“. Die Patienten kommen heute mit ihrem Smartphone, müssen es aber an der Tür zum Krankenhaus abschalten. Dabei haben sie bereits so viele – auch medizinisch wertvolle – Daten auf dem Handy gespeichert. Im Internet können sich Patienten heute sehr umfangreich informieren. Über empirisches Wissen – zur Verfügung gestellt von sehr intelligenten IT-Systemen – wird die Wissens- und Erkenntnisgewinnung jedes Jahr schneller und besser. Wir müssen in den Krankenhäusern – und im gesamten Gesundheitssystem – mit diesem Wissen und den neuen Möglichkeiten umgehen lernen, vor allem aber lernen, es zu nutzen.

All das muss einhergehen mit einer transparenten Analyse, Anpassung und Optimierung sowohl aller Krankenhaus-internen Prozesse als auch der Schnittstellen zu vor- und nachgelagerten Versorgungsstufen. Denn auch Vernetzung zwischen den Sektoren ist nicht zu bremsen und kann durch den richtigen Einsatz von IT optimiert werden.

Der bisher gewohnte Alltag im Krankenhaus wird sich verändern. Vielleicht bringt uns demnächst ein Roboter das Essen oder OP-Bots entfernen den Blinddarm. Vor dem Hintergrund des Ärzte- und Pflegemangels ein Szenario, das vermutlich eher früher als später kommt. Und dem wir uns stellen müssen.

Herr Köhl, vielen Dank für das Interview! 

Wir setzen unsere Interviewreihe demnächst fort. Im nächsten Beitrag werden wir mit Bernhard Calmer über Karrieremöglichkeiten und Berufsbilder im Bereich „digitale Gesundheit“ sprechen. Nicht verpassen!

Zur Person

Christian Köhl, Leitung Vertrieb und Business Management, Cerner Deutschland GmbH

Christian Köhl, Leitung Vertrieb und Business Management bei Cerner Deutschland

Christian Köhl ist Diplom-Betriebswirt (FH) und Gesundheitsökonom (ebs). Seinen beruflichen Werdegang startete er als Projekt- und Portfoliomanager bei der All for one Systemhaus AG und Nexus AG. Nachdem er bei Siemens Healthcare Deutschland zunächst den Geschäftsbereich Ultraschall für die Region West verantwortete, war er seit Ende 2012 in leitender Funktion im Vertrieb und dem Marketing tätig.

Seit 2015 leitet er den Vertrieb und das Business Management bei Cerner Deutschland.

Christian Köhl auf Twitter.

Kontakt

Cerner Deutschland GmbH
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Homepage: www.cerner.com
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Theresa Kern

Theresa Kern

Theresa ist Master-Studentin und Teil des beta|career-Teams 2017.

Sie ist zuständig für die Entwicklung der Digital Health Plattformen und gelegentlich für die Koordination der Teamausflüge. Ihre Freizeit verbingt sie am liebsten auf dem Pferderücken.
Theresa Kern